© Marvin Seeligmann
Joki Keilen ist seit über zehn Jahren aktiv in der Poetry Slam-Szene – sowohl als reisende Poetin als auch als Moderatorin und Organisatorin. Schon als Kind war sie fasziniert von Literatur und begann früh selbst zu schreiben. Mit 15 Jahren erhielt sie ihren ersten Literaturpreis, bevor sie anfing, sich mit dem gesprochenen Wort und dem Format Poetry Slam zu befassen. Seit 2014 ist sie aktives Mitglied der Kasseler Poetry Slam-Szene und reist mit ihren Texten durch ganz Deutschland. Neben zahlreichen Auftritten organisiert und moderiert sie regelmäßig den Salzmannslam für die Kulturfabrik Salzmann und den BIB SLAM in der Kasseler Stadtbibliothek ebenso wie zahlreiche Einzelveranstaltungen (u. a. „Classic meets Poetry“, Kasseler Schul-Meisterschaften im Poetry Slam und das „Kultur im Park“-Festival Bad Emstal). Seit Ende 2014 leitet sie erfolgreich Workshops im Poetry Slam für viele verschiedene Altersklassen.
Wenn du heute auf deine Anfänge zurückblickst: Was hat dich damals mehr gereizt – das Schreiben oder die Bühne?
Definitiv beides. Schon als Kind habe ich mir ständig Geschichten ausgedacht und sie, kaum dass ich schreiben konnte, zu Papier gebracht. Der Drang, meine Texte mit anderen zu teilen, war rückblickend schon immer da – damals waren es noch handgeschriebene Geschenke für Verwandte oder Lehrkräfte. Als ich dann Jahre später zufällig auf einem Stadtfest meinen ersten Poetry Slam erlebte, hat es sofort Klick gemacht: Meine Texte auf der Bühne zu teilen – das wollte ich auch!
Mit 15 dein erster Literaturpreis: Erinnerst du dich noch an den Moment, in dem dir klar wurde, dass Worte mehr als ein Hobby für dich sind?
Der Moment des Gewinnens war absolut surreal. Gerade während der jugendlichen Phase der Identitätssuche war dies genau die Bestätigung, die ich brauchte. Da begriff ich zum ersten Mal, dass mein Kindheitstraum, Autorin zu werden, tatsächlich wahr werden könnte.
Was kann Poetry Slam, was klassische Literaturformate vielleicht nicht können?
Poetry Slam ist mehr als ein einfacher Vortrag. Er verbindet Generationen und sozioökonomische Milieus, alteingesessene Literatur-Liebhaber, Comedy-Fans und interessierte Neulinge. Die Vielfalt der erlebbaren Themen, Stile, Performances und Persönlichkeiten, die man in kürzester Zeit erlebt, ist in „klassischen“ Literaturformaten selten zu finden.
Und natürlich die Interaktion: Dass das Publikum selbst zur Jury wird, macht die Veranstaltung nicht nur zu einer Lesung, sondern zu einem Erlebnis. Poetry Slam ist im Grunde die demokratischste Form der Literaturformate.
Du arbeitest viel mit jungen Menschen: Was beobachtest du aktuell bei Nachwuchs-Poet*innen?
Was mich tief beeindruckt, ist die radikale Ehrlichkeit. Die neue Generation an Poet*innen geht wahnsinnig mutig und offen mit Themen wie mentaler Gesundheit, Identität und persönlichen Krisen um. Wo wir uns vor zehn Jahren noch hinter abstrakten Metaphern versteckten, herrscht heute eine Direktheit, die mich sehr berührt. Es geht den jungen Poet*innen darum, ihre oft komplexe und schmerzhafte Lebensrealität auszudrücken und sichtbar zu machen, statt um die perfekte Show. Slam ist gerade für den Nachwuchs mehr als Kunst – es ist eine Art heilsames Ventil. Wenn 13- oder 14-Jährige ihre innersten Gefühle vor einem Haufen Fremder offenbaren und sich zusätzlich trotz Lampenfieber mit einer unglaublichen Souveränität dem Urteil einer Jury stellen, habe ich nur größten Respekt und Bewunderung für diese jungen Künstler*innen.
Du engagierst dich stark für Vernetzung in Nordhessen: Warum ist das so wichtig?
Nur durch Vernetzung entsteht echtes Wachstum! Wenn jeder nur sein eigenes Süppchen kocht, verpassen wir die Möglichkeiten, die hinter dem eigenen Tellerrand liegen. Ganz persönlich fasziniert es mich außerdem, die Grenzen zwischen Genres und Kultursparten aufzubrechen: Warum nicht klassische Musik mit Hip-Hop und Poetry Slam kombinieren? Was passiert, wenn Texte auf Beatboxing oder Live-Zeichnen treffen? Es geht immer um neue Impulse und Horizonterweiterung, die nur durch Dialog und Vernetzung entstehen können.
Gibt es Dinge, die sich strukturell verbessern müssen – etwa in Bezug auf Sichtbarkeit, Bezahlung oder Diversität?
Wir haben als Szene in den letzten Jahren wichtige und große Fortschritte bei Themen wie Barrierearmut, Awareness-Teams auf Veranstaltungen oder Diversität in Line-ups gemacht. Das Bewusstsein ist da, aber der Prozess ist nie abgeschlossen: Konzepte müssen stetig hinterfragt und weiterentwickelt werden, sowohl strukturell als auch in der Haltung der Veranstaltenden. Vor allem die Finanzierung ist ein großes strukturelles Problem. Wenn neben den kommunalen Mitteln für Kultur nun auch große Förderprogramme wie „Demokratie leben“ gekürzt werden, trifft das in allererster Linie genau die Orte, an denen gesellschaftliche Entwicklung stattfinden kann. Hier wünsche ich mir politisch mehr Rückhalt. Denn (Sub-)Kultur darf nicht als Luxusgut betrachtet werden, sondern sie ist ein notwendiger Pfeiler unserer Demokratie.
Wo siehst du die Verantwortung von Kunst in gesellschaftlichen Debatten?
Kunst erweitert Horizonte. Kunst kann provozieren und den Finger in die Wunde legen oder mittels Humor Leichtigkeit in dunkle Zeiten bringen. Kunst hält uns dazu an, uns selbst zu hinterfragen. Sie erreicht nicht nur den Intellekt, sondern auch das Herz, sie macht Abstraktes erlebbar und Unsichtbares sichtbar und fördert so gegenseitige Empathie und Perspektivübernahme. In einer Zeit, in der (digitale) Debatten oft in Schwarz-Weiß-Schubladen feststecken, bietet Kunst einen notwendigen Raum, in dem Ambivalenz und Komplexität sein dürfen. Kunst zwingt uns gewissermaßen zur Auseinandersetzung mit anderen Perspektiven, die im hektischen, schnelllebigen Alltag untergehen, aber notwendig sind für Weiterentwicklung und Fortschritt. Die Verantwortung sehe ich daher eher auf Seiten der Kunst-Konsumierenden, die sich für die Möglichkeiten von Kunst öffnen müssen.
Gibt es einen Traum oder ein Projekt, das du dir für die nächsten Jahre wünschst?
Aktuell fiebere ich vor allem den hessischen Landesmeisterschaften im Poetry Slam entgegen, die dieses Jahr zum ersten Mal in Kassel stattfinden – das wird ein Meilenstein für unsere lokale Szene! Mein großer Wunsch für die kommenden Jahre ist eine lebendige nordhessische (Sub-)Kulturszene und die Entstehung von Freiräumen, in denen Menschen sich selbst verwirklichen können. Einige Slam-Formate sind natürlich auch in Planung.
Drei Wörter, die Poetry Slam für dich beschreiben?
Befreiend, provokant, verletzlich.