© Nicolas Wefers
Die Wurzeln der Kunsthochschule Kassel (KhK) reichen bis in das 18. Jahrhundert zurück. Am 18. Oktober 1777 wurde die „Académie de Peinture et de Sculpture de Cassel“ von Landgraf Friedrich ll. von Hessen-Cassel feierlich eröffnet. Im Laufe ihrer über 245-jährigen Geschichte erfuhr die Kunsthochschule viele Wandlungen, reagierte in ihrem Lehrangebot auf die Strömungen der Zeit und prägte mit neuen pädagogischen Ansätzen die Ausbildung an anderen Kunstakademien. Wir haben den Rektor der Kunsthochschule Kassel, Dr. Martin Schmidl, zum Interview getroffen und mit ihm über die Reputation der Kunsthochschule, die neue Ausstellungshalle und die Jahresausstellungen gesprochen.
Was unterscheidet die Kunsthochschule Kassel von anderen Kunsthochschulen?
Zuerst einmal erlebt jede*r Studierende mindes-tens einmal während der Studienzeit die documenta. Das bedeutet Kunst auf Weltniveau 100 Tage lang und nicht nur bei einem kurzen Besuch. Darüber hinaus können sie dort mitarbeiten und Künstler*innen, Kurator*innen, Vermittler*innen und Aufbauteams aus der Nähe oder bei der gemeinsamen Arbeit erleben. Für viele Studierende bieten sich nach der documenta zudem internationale Kooperationen in Form von Artist Residencies bei documenta-Künstler*innen. Was die Kunsthochschule selbst betrifft, zeichnet sie sich durch eine hohe Durchlässigkeit zwischen den fünf Studiengängen aus. Das sind Bildende Kunst, Kunstpädagogik, Kunstwissenschaft, Produktdesign und Visuelle Kommunikation, die über vielfältige Kooperationsprojekte verbunden sind. Die Lage am Auepark und die besondere Architektur von Paul Friedrich Posenenske unterstützen diese ganz besondere Atmosphäre.
Warum ist sie so wichtig für Kassel und warum ist sie richtig in unserer Stadt?
Da komme ich nochmal auf die documenta zurück, die ohne Arnold Bode, der eine Professur für Malerei an der Kunsthochschule hatte, heute nicht existieren würde. Mit der Gründung der Kunsthochschule 1777 als „Académie de Peinture et de Sculpture de Cassel“ zählt sie zu den ältesten Kunstakademien in Deutschland. Es gibt Städte vergleichbarer Größe mit und ohne Kunsthochschulen und man merkt ihnen das jeweils an, z. B. bei Buchhandlungen, Cafés oder Schallplattenläden. Nicht zufällig entdeckt man in Kassel Institutionen wie die älteste Videothek der Welt. Unsere Studierenden und Absolvent*innen prägen das städtische Leben. Sie arbeiten in von ihnen gegründeten Projektplattformen oder Initiativen für Kunst und Gestaltung. Prägen auf diese Weise vielerorts das Stadtbild und das kulturelle Klima. Wir haben beobachtet, dass unsere Absolvent*innen auch immer wieder nach Kassel zurückkehren, gerade weil sie die kunstaffine Atmosphäre hier schätzen.
Zu den zehn mit der Simon-Louis-du-Ry-Plakette 2023 ausgezeichneten Bauten im Wettbewerb des Bundes Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) Hessen gehört auch die Ausstellungshalle der Kunsthochschule Kassel, die im Mai 2022 eingeweiht wurde. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Die Halle ist inzwischen sogar auf der Shortlist für zwei weitere Auszeichnungen. Zuerst einmal ist das eine Bestätigung für eine sehr gute zeitgemäße Architektur aus Holz, entworfen vom Büro Innauer & Matt. Außerdem bestätigt das die Entscheidung der Hochschule, einen Entwurf mit einem nachwachsenden Rohstoff zu realisieren. Das steht gleichzeitig für einen zukunftsorientierten Ansatz.
Die neue Ausstellungshalle steht aktuell ohne eigenes Personal und ohne einen Etat da. Die strukturellen Anforderungen werden derzeit evaluiert. Wie sähe langfristig ein optimales Team für die Halle aus?
Aus meiner vorigen Stelle an der Akademie der Bildenden Künste in München kenne ich die Planungen für eine vergleichbare Halle. Dort war eine kuratorische und eine technische Position vorgesehen, was auch unser Ziel ist. Ein Basis-etat, um Ausstellungen und Kooperationsprojekte zu realisieren, ist ebenso wichtig, um weitere Gel-der für die Programmarbeit einzuwerben. Derzeit haben wir eine Übergangslösung mit einem Team im Rektorat und einer kuratorischen Volontärin.
In Kassel gibt es eine hohe Dichte an Institutionen und Personen, die zum Thema Ausstellungen forschen und arbeiten. Wie können Sie daran partizipieren?
Da ich in meiner kunstwissenschaftlichen Arbeit zu Ausstellungen forsche, ist das für mich ein glücklicher Umstand. Neben meiner Tätigkeit als Rektor habe ich permanent Austausch mit Kolleg*innen, die den aktuellsten Stand der Forschung in diesem Feld diskutieren. Hinzu kommt mit dem documenta-Archiv eine bedeutende Forschungssammlung, auf die wir für Forschungszwecke zurückgreifen können. An der Kunsthochschule sind sowohl Kunstwissenschaftler*innen als auch Kolleg*innen, die im Feld der Ausstellungsgestaltung forschen, und dazu kommen die Professor*innen des documenta-Instituts. Außerdem die vielen Künstler*innen, Studierenden und Lehrenden, für die das Ausstellen ein wesentlicher Teil ihrer Praxis ist.
Erzählen Sie uns bitte über das Forschungszentrum TRACES?
TRACES wurde als transdisziplinäres Forschungszentrum gegründet, um die Ankunft des documenta-Instituts mit den oben genannten Akteur*innen bei uns an der Hochschule zum Thema Ausstellungsstudien zu verbinden. Dazu kommen aus verschiedenen Fachbereichen der Universität, wie zum Beispiel aus der Architektur, weitere Kolleg*innen, die in dem Themenfeld arbeiten. Zusammenfassend kann man sagen, dass TRACES eine bundesweit und international einzigartige Institution für Ausstellungsforschung ist.
Sehr positive Konstellationen: Was bedeutet das perspektivisch gesehen?
Ende 2021 aus München nach Kassel kommend, war ich überrascht über die Diskussionen um das documenta-Institut. Was für ein Geschenk für den Standort Kassel! Inzwischen kenne ich die Themen hinter den Diskussionen, um Standorte, Wissenschaftsort oder Zentrum mit Café und Ausstellungsbereich und das Verhältnis zu den bestehenden Institutionen. Was wir bei all diesen Überlegungen nicht aus den Augen verlieren dürfen, ist die Forschungsdichte, die mit dem Institut erreicht wird. Im Zusammenspiel aller Fachleute und Institutionen entsteht in Kassel gerade der weltgrößte Cluster für Ausstellungstudien.
Sie planen einen Förderverein für die Kunsthochschule. Warum ist das notwendig?
Einen Förderverein zu haben bedeutet für mich in erster Linie, Menschen an der Seite zu haben, denen die Kunsthochschule etwas bedeutet. Viele zukünftige Mitglieder kommen aus der Stadtgesellschaft und kennen die gemeinsame Geschichte von Stadt und Kunsthochschule. Außerdem erweitert das die Möglichkeiten für die Hochschule, Mittel für Projekte einzuwerben. Die Mitglieder eines Fördervereins tragen die Interessen der Kunsthochschule in die Stadt und sorgen durch ihr Netzwerk für einen lebendigen Austausch. Und zwar intensiver.
Wir schauen auf zwei jährliche Veranstaltungs-Highlights: Die Kunsthochschule Kassel öffnet vom 13. bis 16. Juli ihre Türen zum traditionellen Rundgang und die bundesweit einzigartige Abschlussausstellung EXAMEN findet vom 13. bis 17. Dezember in der documenta-Halle statt. Ein hohes Renommee für alle Beteiligten? Oder auch eine Herausforderung?
Mit dem Rundgang haben alle Studierenden die Möglichkeit, einmal im Jahr gemeinsam auszustellen und sich sowohl innerhalb der Hochschule als auch mit den vielen Besucher*innen auszutauschen. Traditionell ist der Rundgang auch ein großes Fest, das in Kassel bei vielen bekannt ist und die Verbindung der Kunsthochschule mit der Stadt und mit Ehemaligen zum Ende des Sommersemesters feiert. Die EXAMEN ist als Ausstellung der Abschlusskandidat*innen tatsächlich deutschlandweit einzigartig, weil sie den Absolvent*innen ermöglicht, in einem großen Ausstellungshaus wie der documenta-Halle aufzutreten und ihre Ausstellungspraxis zu vervollständigen. Die Ausstellung in diesem professionellen Rahmen zu bespielen, ermöglicht uns die einzigartige Förderung durch die CDW-Stiftung (Kassel). Sie gibt nicht allein die finanziellen Mittel, sondern diskutiert und unterstützt auch die Weiterentwicklung der EXAMEN. Für die Absolvent*innen macht der damit verbundene Schritt in die Professionalität tatsächlich einen entscheidenden Unterschied zu herkömmlichen Examensausstellungen an anderen Kunsthochschulen.
Auch Ihre Rektoratsgeschäftsführerin, Dr. Katharina Benderoth, steht hinter Ihrer erfolgreichen Arbeit. Wie können wir uns diese Zusammenarbeit vorstellen?
Im ersten halben Jahr bin ich ohne Geschäftsführung gestartet. Da war ich zusätzlich für die verschiedenen Geschäftskonten, Antragswege und Finanzstrukturen zuständig und habe jetzt nochmal mehr zu schätzen gelernt, was verwaltungstechnisch alles von einer Geschäftsführung entschlüsselt, strukturiert und erledigt wird. Seit letztem Frühjahr haben wir bereits viele Dinge bewegt. Zu den Routinen, die nach einem Jahr alle auf dem Tisch waren, kommen die Weiterentwicklung der Kunsthochschule und die verschiedenen Sonderprojekte und -aufgaben, dazu Unerwartetes, das jede Woche auf uns zukommt und wofür oft schnell konkrete Lösungen gefunden werden müssen. Wir stimmen uns zu allen diesen Bereichen jeden Tag ab und planen mit den Kolleg*innen im Rektorat voraus. Das macht gemeinsam deutlich mehr Spaß als alleine und ist auch wesentlich effektiver.
Was macht Ihnen an Ihrer Arbeit am meisten Spaß?
Das ist der Mix aus den unterschiedlichen Aufgaben, Themen, Begegnungen und Menschen, mit denen ich hier täglich zu tun habe. Das geht von langfristigen strukturellen Planungen über Detailentscheidungen bei der Sanierung eines Gebäudes bis zu Projektpräsentationen von Studierenden. Und vieles mehr, was zwischendrin passiert. Es macht Spaß, jede Woche zu sehen, wie an der Kunsthochschule spannende Projekte entstehen und umgesetzt werden.
Wir bedanken uns ganz herzlich für Ihre Zeit, freuen uns auf die positiven Impulse, die dieses Jahr von der Kunsthochschule ausgehen werden, und sehen uns beim Rundgang wieder.