Das Kasseler Model und Influencerin Lijana Kaggwa macht sich gegen Mobbing stark. Während ihrer Teilnahme bei Germany’s Next Topmodel war sie selbst ein Opfer von Cybermobbing und erlebte unglaublichen Hass im Netz. Im Jahr 2022 hat sie den Verein Love Always Wins e. V. gegründet und setzt sich seitdem deutschlandweit an Schulen aktiv gegen Cybermobbing ein und berät auch andere Institutionen und Unternehmen. Wir haben Lijana zum Interview getroffen, um mit ihr über den Kampf gegen Cybermobbing, ihr Buch und ihr neustes Projekt „hörbar – Junge Stimmen für Menschlichkeit“ zu sprechen.
Nach dem Finale bei GNTM im Mai 2020 hast du die Kampagne „Love always wins“ gestartet und mit Organisationen wie JUUUPORT, klicksafe, dem Bündnis gegen Cybermobbing, dem Netzwerk gegen Gewalt und der evangelischen Landeskirche zusammengearbeitet, um zu verstehen, was hinter (Cyber-)Mobbing steckt und wie man Betroffenen helfen kann. Zusammen mit Polizeihauptkommissar Sascha Aschermann vom Netzwerk gegen Gewalt des Polizeipräsidiums Nordhessen wurde das Projekt „Love always wins! Ein Projekt zur Förderung von Medienkompetenz und zur Bekämpfung von Cybermobbing“ beim 14. Hessischen Präventionspreis ausgezeichnet. Eine große Anerkennung?
Ja, eine riesige Anerkennung – und für mich auch eine Art Wendepunkt. Dass unsere erste große Bildungsinitiative gleich ausgezeichnet wurde, hat mir gezeigt, wie weit wir es als Verein schaffen können. Vor allem war es ein starkes Zeichen, dass Betroffene selbst ihre Stimme erheben dürfen. Lange hatte ich das Gefühl, dass Menschen wie ich nicht gesehen, nicht gehört und mit unseren Themen nicht ernst genommen werden. Mir war von Anfang an wichtig: Ich erzähle meine Geschichte nicht nur, sondern ich verändere mit ihr Strukturen. Dass ein Projekt, das aus meiner eigenen Verletzlichkeit heraus entstanden ist, heute im Landespräventionsrat, bei Polizei und Ministerien Gehör findet, macht mich stolz und demütig. Es ist für mich der Beweis, dass persönlicher Schmerz in gesellschaftliche Stärke verwandelt werden kann.
2022 hast du den Verein Love Always Wins e. V. gegründet. Wofür steht der Verein noch?
Love Always Wins bedeutet für uns, dass Liebe, Respekt und Menschlichkeit unsere stärksten Werkzeuge gegen Hass, Gewalt und Feindseligkeit sind – und die Grundlage all unseres Handelns. Wir glauben: Nur eine Gesellschaft, die auf Zusammenhalt statt Ausgrenzung setzt, kann langfristig funktionieren. Deshalb treten wir entschieden ein gegen Menschenfeindlichkeit, Diskriminierung und digitale Gewalt – und für mehr Empathie, Vielfalt und ein respektvolles Miteinander.
Unsere Werte sind Menschlichkeit, Empathie, Vielfalt, Chancengerechtigkeit, Gemeinschaft, Verantwortung, Bildung, Aufklärung, mentale Gesundheit und Selbstwert. Unsere Ziele reichen von der Stärkung der Identität, Resilienz und digitalen Kompetenz junger Menschen über die Förderung von mentaler Gesundheit und Selbstwert bis hin zum Einsatz gegen Rassismus und digitale Gewalt. Wir wollen Chancengerechtigkeit – lokal wie international – fördern und gesellschaftlichen Zusammenhalt sowie demokratische Werte lebendig halten.
Du bist in ganz Deutschland unterwegs, um Menschen kompetenter im Umgang mit den digitalen Medien zu machen und sie vor digitaler Gewalt zu schützen. Du besuchst Schulen, Unternehmen und Vereine und hältst interaktive Vorträge inklusive Lesung und Podiumsdiskussion. Wie gelingt ein respektvoller und sicherer Umgang mit Social Media?
Resilienz und Aufklärung sind hier die Schlüssel. Social Media ist ein Spiegel unserer Gesellschaft, und Selbstwert ist ein Riesenthema – sowohl für Betroffene als auch für die, die Hass verbreiten. Ich sage immer: Du selbst hast die Macht zu entscheiden, wer du bist – gib niemand anderem diese Macht. Reflektiere deinen Umgang mit Social Media, sprich mit Menschen aus deinem Umfeld darüber und vermeide Vergleiche mit anderen. Wichtig ist auch zu verstehen, dass Social Media nicht die Realität ist. Und: Nutze alles, was dich schützt – von Privatsphäre-Einstellungen über Blockieren und Melden bis hin zur Polizei, wenn es ernst wird. Das ist auch wichtig für Statistiken und langfristige Veränderungen.
Im April 2023 ist dein Buch „Du verdienst den Tod!“ erschienen. Das Buch ist das Resultat deiner Interviewreise?
Genau. Ich bin durch Deutschland gereist und habe mit Betroffenen, Expertinnen und Experten, Politikerinnen und Influencern gesprochen. Herausgekommen ist ein sehr persönliches, aber auch sachliches Buch. Der Titel ist ein Zitat aus einer Hassnachricht, die ich täglich bekam – ich wollte das so schonungslos sichtbar machen, wie es war.
Nach allem, was dir passiert ist, bist du noch weiter auf Social Media als Influencerin aktiv. Eine Gratwanderung?
Ja, absolut. Es ist ein täglicher Balanceakt zwischen Triggern und Verantwortung. Einerseits habe ich dort meine schlimmsten Erfahrungen gemacht, andererseits ist Social Media mein Beruf und mein Sprachrohr. Ich liebe es, Menschen mit Content zu inspirieren – und gleichzeitig bin ich ehrlich, dass Reichweitenzahlen und Likes mich manchmal noch stressen. Mein Weg ist, zurückzufinden zu echter Authentizität: weniger für Klicks, mehr für Verbindung. Und auch wenn es mir nicht immer leichtfällt, ist mir wichtig, aktiv zu bleiben – denn wenn sich alle zurückziehen, die etwas Positives beitragen wollen, überlassen wir dem Hass das Feld.
Dein neuestes Projekt ist „hörbar – Junge Stimmen für Menschlichkeit“. Erzählst du uns bitte etwas darüber.
„hörbar“ ist für mich ein Herzensprojekt. Wir geben Jugendlichen eine Stimme zu Themen wie Vielfalt, Demokratie, Kinderrechte, Rassismus oder Queerfeindlichkeit. Mit Partnern wie dem Medienbildungszentrum Nord, der Agentur PAC und dem Jugendgremium Kassel entwickeln wir Podcasts, Schulbesuche, Peer-to-Peer-Ausbildungen und digitale Leitfäden. Das Besondere: Die Jugendlichen gestalten mit, von der Idee bis zur Umsetzung. Es ist nicht mein Projekt über sie – sondern ihr Projekt mit mir.
Wie waren die Reaktionen auf deine zweiteilige Seminarreihe „Real Life Reset“?
Sehr bewegend. Viele Teilnehmende haben gespürt, dass es nicht nur um Wissensvermittlung ging, sondern um echte Transformation.
Für mich selbst hat sich dadurch ein ganz neues Berufsfeld erschlossen: Ich möchte künftig als Speakerin in die Welt gehen – nicht nur für Schülerinnen und Schüler, sondern auch für Azubis, Firmen und alle Menschen, die mich und meine Botschaft brauchen.
Wie dürfen wir uns einen normalen Arbeitsalltag vorstellen?
Normal gibt es bei mir kaum (lacht). Ich strukturiere mich zwischen Projekten, Vorträgen, Contentproduktion, Vereinsarbeit, Recherche für mein neues Buch und persönlichen Routinen. Eine gute Morgen- und Abendroutine und die Spaziergänge mit meinem Hund sind die einzigen Konstanten. Ansonsten bin ich viel unterwegs, betreibe Netzwerkarbeit, sitze aber auch erschreckend viel am PC – für Mails, Steuern, Planung und Konzepte. Die Contentproduktion ist nur ein kleiner Teil. Viel wichtiger ist die kreative Gestaltung von Veranstaltungen, die Zusammenarbeit mit Partnern und die konstante Weiterbildung, weil sich die Themen ständig verändern.
Und ein Hinweis nach fast einem halben Jahrzehnt Einblicke in die Influencer-Welt: So glamourös, wie es von außen aussieht, ist es nicht! (Lacht)
Was bedeutet Glück für dich?
Glück bedeutet für mich, zufrieden zu sein mit den kleinen Dingen. Nicht immer dem nächsten großen Erfolg hinterherzujagen, sondern stolz auf mich zu sein, im Moment zu leben und meine Zeit zu genießen. Glück ist für mich, das tun zu dürfen, was mich erfüllt, und dabei ich selbst zu sein. Und Glück ist, anderen Menschen zu helfen – und dadurch auch mir selbst.
Wir bedanken uns ganz herzlich für deine Zeit, wünschen dir weiterhin eine so grandiose Energie und freuen uns, bald wieder von deinem Herzensprojekt „hörbar – Junge Stimmen für Menschlichkeit“ zu hören.
›› www.lovealwayswins.de | Insta: @LIJANARISEN