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Prof. Dr. Heike Wetzel
Das „Barometer der Energiewende für Nordhessen“ stellt den Fortschritt des Erneuerbare-Energien-Ausbaus in der Region dar. Die Anlagen stärken die Wirtschaftskraft der Stadt Kassel und der fünf Landkreise erheblich, zeigt die Studie. Warum das so ist, erläutert die Volkswirtin Heike Wetzel von der Universität Kassel.
Nordhessen hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Die Region will bis 2040 ganz ohne fossile Energien auskommen. Deshalb sollen die erneuerbaren Energien stark ausgebaut werden. Wie die Region davon profitiert, erklärt Heike Wetzel, Professorin für Mikroökonomik und empirische Energieökonomik am Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Kassel. Sie hat zusammen mit Mitarbeitenden ihres Fachgebiets sowie des in Kassel ansässigen Fraunhofer-Instituts für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik IEE das „Barometer der Energiewende in Nordhessen“ erstellt. Auftraggeber war die cdw Stiftung aus Kassel.
Wer in Nordhessen unterwegs ist, sieht auf sehr vielen Dächern Photovoltaik-Anlagen und auch immer wieder Wind- und Solarparks. Heißt das, der Erneuerbare-Energien-Ausbau ist bei uns auf Kurs?
Unser Barometer zeigt, dass die erneuerbaren Energien 2024 rund 52 Prozent des Stromverbrauchs in Nordhessen gedeckt haben. Im Bundesvergleich liegt dieser Wert unter dem Durchschnitt. Das Ausbautempo muss also kräftig anziehen. Auch, weil der Strombedarf durch Elektromobilität und Wärmepumpen steigen wird. Die Voraussetzungen für den stärkeren Ausbau sind günstig, etwa was die verfügbaren Flächen betrifft. Und: Nordhessen ist Energie-Region. Hier wird sehr viel zu Energiethemen geforscht, zahlreiche innovative Unternehmen aus Energietechnik und -wirtschaft haben sich angesiedelt. Wirtschaft und Wissenschaft arbeiten eng zusammen, die Akteure kooperieren intensiv.
Der Erneuerbare-Ausbau trägt zum Klimaschutz bei, klar. Aber bringt er die Region auch wirtschaftlich weiter?
Absolut! Aus unserer Analyse geht hervor, dass die Erneuerbaren von 2000 bis August 2025 eine regionale Wertschöpfung von rund 3,2 Milliarden Euro geschaffen haben. Das entspricht fast drei Viertel der bislang getätigten Investitionen. Die Erneuerbaren stärken damit die Wirtschafts- und Kaufkraft der Region erheblich, in der Stadt Kassel genauso wie in den fünf Landkreisen. Anders übrigens die fossilen Energien, wo der Großteil der Wertschöpfung auf Förderung und Verarbeitung der Brenn- und Kraftstoffe entfällt – also in anderen Teilen der Welt erfolgt. Damit fließt sehr viel Kapital ins Ausland ab. Zudem erhöhen wir unsere Resilienz, wenn wir importierte fossile Energieträger durch Wind und Sonne ersetzen, weil wir damit unsere Abhängigkeit von den Herkunftsländern fossiler Energieträger verringern.
Was bedeutet regionale Wertschöpfung genau?
Regionale Wertschöpfung ist das, was eine wirtschaftliche Aktivität einer Region an Wert bringt, unter anderem in Form von Gewinnen, Einkommen, Pachten und Steuereinnahmen. Bei den erneuerbaren Energien entsteht Wertschöpfung durch den Bau und Betrieb der Anlagen selbst, einschließlich der Vorleistungen wie etwa Planungsarbeiten. Aber auch dadurch, dass ein Teil der dadurch erwirtschafteten Mittel wieder in der Region ausgeben wird. Von all dem profitieren lokale Unternehmen genauso wie die Kommunen und nicht zuletzt die Bürgerinnen und Bürger.
© Städtische Werke AG
Knapp 450 Mio. Euro wurden 2024 in Erneuerbare Energien investiert. So viel wie noch nie in Nordhessen.
Warum ist die regionale Wertschöpfung bei den erneuerbaren Energien so hoch? Die Photovoltaik-Module und die Windräder werden ja nicht in Nordhessen gefertigt!
Die Anlagentechnik trägt nur einen relativ kleinen Teil zur Wertschöpfung bei. Wer einen Wind- oder Solarpark errichten will, braucht unter anderem Planer, Gutachter und Anwälte, Handwerker und Bauunternehmen. Die Aufträge gehen oft an Unternehmen aus der Region. Die Finanzierung kommt häufig von lokalen Banken, die an den Zinsen verdienen. Die Flächen stellen Landwirte, Forstbesitzer oder Kommunen bereit, die dafür eine Pacht erhalten. Die Anlagenbetreiber, oft ortsansässige Unternehmen oder Bürger, erzielen Einnahmen aus dem Stromverkauf. Bei all dem fallen Steuern an. Und dazu kommen dann noch die induzierten Effekte – also die Nachfrage nach Produkten und Leistungen, die durch das generierte Einkommen ausgelöst wird. Etwa wenn eine Familie von den Erträgen ihrer Windpark-Beteiligung Essen geht. Solche Effekte erhöhen die regionale Wertschöpfung weiter. Der Erneuerbare-Energien-Ausbau sichert und schafft also auf vielerlei Weise Arbeitsplätze in der Region, er sorgt für Gewinne und stärkt die kommunalen Finanzen.
Was bringt mehr regionale Wertschöpfung, Photovoltaik oder Windenergie?
Bei der Photovoltaik entspricht die regionale Wertschöpfung unseren Berechnungen zufolge gut 69 Prozent der investierten Summe, bei der Windenergie sind es 58 Prozent. Dass die Photovoltaik hier besser abschneidet, liegt unter anderem daran, dass die Erlöse bei Dachanlagen in der Regel den Gebäudeeigentümern, also meist Eigenheimbesitzern, zugutekommen. Und weil die Anlagen fast immer von lokalen Betrieben installiert werden.
Aus Sicht der regionalen Wirtschaft ist es also vorteilhaft, künftig in Nordhessen vor allem auf Photovoltaik-Dachanlagen zu setzen?
Nein, wir brauchen einen ausgewogenen Mix, schon allein um die Stromnetze nicht zu überfordern. Zumal die regionale Wirtschaft auch vom Wind-Ausbau stark profitiert: Allein hier summiert sich die regionale Wertschöpfung von 2000 bis August 2025 auf circa 730 Millionen Euro.
© cdw Stiftung/deENet/Heiko Meyer
Die PV-Anlage auf dem Goethe Gymnasium Kassel wurde unter Anleitung von SoLocal Energy durch die Schüler selbst errichtet.
Nun leiden wir in Deutschland derzeit unter einer Wirtschaftskrise. Ist es da wirklich sinnvoll, wenn wir in Nordhessen an unseren ehrgeizigen Erneuerbare-Ausbauzielen festhalten?
Unbedingt, nicht nur aus Klimaschutz-Gründen. Unser Barometer zeigt, dass der Ausbau Motor für die regionale Wirtschaft ist, den Arbeitsmarkt stärkt und die kommunalen Kassen füllt. Bei den erneuerbaren Energien bleibt von jedem Euro, den wir ausgeben, viel mehr in der Region und im Land als bei den fossilen Energien. Besser also eine hohe regionale Wertschöpfung als hohe Importkosten! Deshalb ist es auch zwingend notwendig, die Elektrifizierung des Verkehrs und der Wärmeversorgung durch Wärmepumpen voranzutreiben. Denn damit erhöhen wir die regionale Wertschöpfung weiter. Zusammengefasst: Wir können es uns wirtschaftlich schlichtweg nicht leisten, das Tempo der Energiewende in Nordhessen zu verlangsamen. Im Gegenteil, wir müssen stärker auf die Tube drücken!
DAS BAROMETER DER ENERGIEWENDE IN NORDHESSEN
Das von der Kasseler cdw Stiftung in Auftrag gegebene „Barometer der Energiewende in Nordhessen“ zeigt, wie weit die Region beim Ausbau der erneuerbaren Energien schon gekommen ist – und was noch zu tun ist, um bis 2040 ganz auf fossile Energien verzichten zu können. Das Barometer dokumentiert den Ausbau von Photovoltaik, Windenergie, Bioenergie und Wasserkraft, die erzeugten Strommengen, den Stromverbrauch sowie die Investitionen und die dadurch ausgelöste Wertschöpfung in den fünf Landkreisen und der Stadt Kassel. Zudem legt die Studie dar, wie sich der Stromverbrauch dort jeweils entwickeln wird und welcher Erneuerbare-Energien-Zubau nötig ist, um den Bedarf vollständig decken zu können. Erstellt wurde das Barometer vom ortsansässigen Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik IEE und der Universität Kassel. Die letzte Aktualisierung erfolgte Ende 2025.
Das Barometer steht auf der Website www.energiewende-nordhessen.de bereit. Zudem stellt die cdw Stiftung gedruckte Exemplare zur Verfügung. Sie können per E-Mail an info@cdw-stiftung.de angefordert werden. Auf der Website der Stiftung finden Interessenten auch eine wöchentlich aktualisierte Web-App, die für die einzelnen Landkreise und die Stadt Kassel den neuesten Stand beim Erneuerbare-Energien-Ausbau zeigt.