© GRIMMWELT | Fotos: Nicolas Wefers + Victoria Tomaschko
Vor rund 18 Monaten kam der Diplom-Kulturmanager Jan Sauerwald nach Kassel und übernahm die Geschäftsführung und Programmleitung der GRIMMWELT. Seit seinem Start im documenta-Jahr ist viel passiert. Wir haben Jan Sauerwald zum Interview eingeladen, um mit ihm über die neue Sonderausstellung, digitale Formate in der Kulturvermittlung und Augmented Reality zu sprechen.
Seit Mai 2023 sind Sie Geschäftsführer und Programmleiter der GRIMMWELT. Welches Ereignis aus Ihrem Beginn werden Sie nie vergessen?
Das war sicherlich, die documenta fifteen mit über 130.000 Besucherinnen und Besuchern in 100 Tagen in der GRIMMWELT vor Ort erleben zu können. Es war großartig, das Haus so voll zu sehen und die Begeisterung des Publikums zu sehen. Da auch in der Dauerausstellung der GRIMMWELT künstlerische Arbeiten der documenta fifteen gezeigt wurden, war das Publikum im ganzen Haus unterwegs und wird sicher in Teilen wiederkommen. Das Haus unter Hochbetrieb nach dem Dornröschenschlaft der Coronazeit zu erleben, war ein schöner Start in meine Amtszeit hier in Kassel.
Sie tragen die Verantwortung für die Marke Brüder Grimm und für die GRIMMWELT. Eine große?
Ich sehe mich und unser Haus nicht in einer direkten Verantwortung für eine „Marke Grimm“ – wir sind ja keine Marketingagentur oder Inhaber einer Marke. Wir tragen aber als eines der größten Ausstellunghäuser zum Thema Jacob und Wilhelm Grimm eine Verantwortung für Art und Weise sowie Genauigkeit der Darstellung und Vermittlung von Leben und Werk der Grimms.
Hierzu hat die Stadt Kassel mit dem Konzept und der Eröffnung der GRIMMWELT Herausragendes geleistet. Das hohe Niveau in den Ausstellungen und unseren Programmen weiterzuführen und noch zu steigern sowie die großartige Grimm-Sammlung der Stadt Kassel zu präsentieren und diese gleichzeitig interaktiv an ein breites und heterogenes Publikum zu vermitteln ist eine schöne Herausforderung, der ich mich gemeinsam mit meinem Team sehr gerne annehme.
Vor Kurzem wurde die Sonderausstellung „Akte Rumpelstilzchen – Eine Spurensuche in Märchen und Recht“ eröffnet. Was erwartet die Besucher*innen?
Unsere neue Sonderausstellung ist ein schönes Beispiel für die oben genannte Frage, welches Bild der Sprachforscher und Germanisten Jacob und Wilhelm Grimm wir vermitteln wollen. In der Akte Rumpelstilzchen sind es eben die Rechtswissenschaftler und die politischen Grimms, die wir vorstellen, sowie die Zeit, in der sie lebten.
In Jacob Grimms Werk „Die deutschen Rechtsalterthümer“ wird deutlich, dass er sich nicht nur für Märchen, Sagen, Sprichworte und Bräuche und deren Herkunft interessierte, sondern auch für die rechtlichen Überlieferungen aus dem germanischen Raum.
Wir versuchen, die Erkenntnisse aus dieser Forschung in eine Ausstellung zu übertragen, und stellen dieses Recht neben unser heutiges – mit spannenden Ergebnissen. Jacob Grimm sah auch immer wieder Verbindungen zu den Märchenstoffen, wie z. B. im Symbol des Brautschuhes, der auch bei Aschenputtel auftaucht. Diesen Spuren gehen wir in der Ausstellung nach.
Wie werden die Themen in der Ausstellung umgesetzt und mit wem wird eine Ausstellung produziert und realisiert?
Wir setzen die Themen, wie beispielsweise die Frage nach der Suche nach der Gerechtigkeit in drei ausgewählten Märchen: Rumpelstilzchen, Der Teufel mit den drei goldenen Haaren und Das tapfere Schneiderlein, sehr spielerisch, künstlerisch und interaktiv um, das heißt, die Besucher können sich erst eine film- oder bildhafte Umsetzung des Märchens ansehen, können es als Hörstück hören und dann über die Protagonistinnen und Protagonisten des Märchens abstimmen: Finden sie die Handlungen gerechtfertigt oder nicht?
Dazu gibt es für alle, die es interessiert bzw. die tiefer eintauchen möchten, wahlweise auch noch eine Augmented Reality-App zur Ausstellung. Das ist recht aufwendig. Für eine solche Ausstellungs-Produktion arbeitet die GRIMMWELT mit einer ganzen Menge an sehr kompetenten Dienstleistern und Einzelpersonen, vielen aus Kassel, zusammen.
Sie selbst werfen mit ihren Besucher*innen einen Blick hinter die Kulissen der Ausstellung und bieten Führungen an. Wie bereiten Sie sich darauf vor?
Durch die Arbeit an der Ausstellung, die wir gemeinsam als Team stemmen, sind natürlich alle Beteiligten im Thema, da fällt die Vorbereitung leicht. Der Austausch mit interessierten Besucherinnen und Besuchern während der Führung ist ein besonders schöner Moment, weil man hier ein direktes Feedback bekommt und sieht, wie die Ausstellung und damit die geleistete Arbeit und Recherche beim Publikum ankommt.
Während der Pandemie hat die GRIMMWELT verstärkt auf digitale Formate gesetzt und entwickelt diese bis heute stetig weiter. Warum ist das so wichtig?
Wir haben ja mittlerweile mit einer Menge an „Digital Natives“ in unserem Publikum zu tun, das heißt Menschen, die mit dem Digitalen Raum aufgewachsen sind und die diesen sozusagen als „natürliches Habitat“ begreifen und sich so mit und in diesem bewegen.
Deshalb können wir die digitalen Formate meines Erachtens gar nicht mehr außen vorlassen. Unsere neue App: GRIMMkids richtet sich beispielhaft an Kinder und Jugendliche und vermittelt Inhalte in einem Teil der Dauerausstellung. Lupine, Tintus, Buchilde und andere belebte Ausstellungsgegenstände treffen sich jetzt in einer Augmented Reality-App auf den mobilen Geräten des Publikums – wenn man es möchte und die App herunterlädt – und führen ein Eigenleben in der GRIMMWELT. Wir haben für die Dialoge der Grimmies den Berliner Autor Wieland Freund und für die Illustrationen Katrin Nicklas aus Kassel eingeladen und haben diese wilden Wesen nun in den digitalen Raum innerhalb der Ausstellung entlassen.
Gestatten Sie uns noch ein paar persönliche Fragen. Eine Zeitkapsel beamt Sie in jede beliebige Zeitepoche. Für welche Epoche würden Sie sich entscheiden?
Ich freue mich auf die Zukunft – insofern würde ich gerne erleben, wie wir als Gesellschaft in 50 Jahren all die Herausforderungen gemeistert haben, die uns aktuell beschäftigen.
Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit am besten?
An so einem großartigen Ort wie der GRIMMWELT mit einem hochmotivierten Team ein Programm umsetzen zu können, welches ein breites Publikum ins Haus lockt und informativ ist, aber auch Spaß und Freude vermittelt! Die GRIMMWELT ist schon in ihrer Form als Gebäude in diese Richtung gedacht, z. B. durch das fast 2000 qm große, begehbare Dach, das der Bevölkerung Tag und Nacht offensteht – diese einladende Geste soll symbolisch für unsere gesamte Arbeit stehen!
Was bedeutet Glück für Sie?
Besondere Momente in der Natur, z. B. gemeinsam mit meinen Kindern, erfüllen mich sehr und bieten einen Ausgleich für ein manchmal auch stressiges Arbeitsleben, das würde ich als Glück bezeichnen.
Wir bedanken uns ganz herzlich für Ihre Zeit und freuen uns auf viele weitere neue Impulse für unsere GRIMMWELT.
›› Grimm