© Daniel Luck
Nina Osina lebt für die Musik – und das seit ihrer frühesten Kindheit. Die in Kasan geborene Geigerin entdeckte ihre Leidenschaft bereits mit fünf Jahren bei einem Besuch von Tschaikowskis „Schwanensee“. Heute begeistert sie als Solistin, Kammermusikerin, Konzertveranstalterin und Musikpädagogin ihr Publikum weit über Kassel hinaus. Im Gespräch erzählt sie von ihrer musikalischen Prägung in Russland, ihrer Liebe zur Kammermusik, ihrer zweiten Heimat Kassel und davon, warum Musik Menschen glücklicher machen kann.
Du konntest Noten lesen, bevor du Buchstaben lesen konntest. Wann wurde dir bewusst, dass Musik für dich mehr als nur ein Familienerbe ist?
Es gab mehrere Situationen, die mich immer mehr dazu brachten, die Musik als Lebensinhalt zu empfinden. Jede Bühnenerfahrung war mir sehr wichtig, sodass ich einmal sogar mit hohem Fieber im Konzert gespielt habe, ohne meinen Eltern davon erzählt zu haben.
Der Besuch von Tschaikowskis „Schwanensee“ hat dein Leben verändert. Erinnerst du dich noch daran, was dich als Fünfjährige an den Violinsoli so fasziniert hat?
Die Violine klang so vielfältig: mal ganz lieblich, mal leidenschaftlich, manchmal traurig und manchmal sehr stark. Dazu muss man sagen, dass Tschaikowski all die Möglichkeiten einer Violine in seinem Ballett großartig umgesetzt hat.
Du sprichst mit großer Wertschätzung über deine Ausbildung in Russland. Was hat dich diese Zeit musikalisch, aber auch menschlich gelehrt?
Die Ausbildung in Russland ist sehr strukturiert: Alle drei Monate gibt es Prüfungen, die Leistungen werden benotet. Wenn ein Schüler zielstrebig ist, kann er sich schwierigere Stücke aussuchen und präsentieren. So war das bei mir: Ich wollte so schnell wie möglich die Violine beherrschen, um großartige Werke unter anderem Solosonaten von Johann Sebastian Bach spielen zu können.
Menschlich habe ich viele Sachen gelernt: Disziplin, Kommunikation mit Mitschülern, Anpassungsfähigkeit, Kreativität und noch viel mehr. Wir hatten Kammermusikunterricht, Streichquartett und Orchester, wo Lehrer uns auf unser späteres professionelles Leben vorbereitet haben, indem sie uns beigebracht haben, wie wir die Stücke analysieren, ein gemeinsames Konzept entwickeln und zusammen gestalten können. Dabei spielen Probenprozesse und der Umgang miteinander eine ganz große Rolle.
Die russische Musikerausbildung gilt als anspruchsvoll und leistungsorientiert. Was hat dir persönlich geholfen, mit diesem hohen Anspruch umzugehen?
Weil ich von Anfang an sehr zielstrebig war und extremes Interesse an Violinliteratur hatte, fiel es mir nicht schwer, diszipliniert zu sein und die Anforderungen zu erfüllen.
Jascha Heifetz, Yehudi Menuhin und Gidon Kremer gehören zu deinen Vorbildern. Gibt es etwas, das du dir von jedem dieser Künstler abgeschaut hast?
Ja, ich habe von diesen Künstlern viel gelernt. Heifetz ist für mich ein „Geigengott“, weil er fast ohne Agogik – eine bewusste, meist nur feine und vorübergehende Veränderung des Tempos – die höchste Intensität darstellen konnte, mit einer Perfektion, von der man nur träumen kann.
Für Yehudi Menuhin war Musik immer ein Mittel, um Grenzen zu überwinden und Menschen im Geiste zu einen. Seine Menschenliebe hört man in jedem Ton, den er gespielt hat, deshalb ist er für mich ein „Violin-Engel“. Gidon Kremers Mut, Offenheit und Kreativität fand ich immer sehr beeindruckend. Ob Schumann, Bartók oder Pärt: Er spielt die Werke sehr emotional und differenziert, benutzt seine einwandfreie Klangpalette immer passend und ausdrucksstark. Auch seine Gestaltung der langen Töne, manchmal ohne Vibrato, ist atemberaubend. Was mir bei ihm sehr imponiert: sein Antikonservatismus.
Was ist Glück für dich?
Glück für mich ist, wenn ich von Schönheit umgeben bin: ob es Menschen sind, die Natur, Kunst oder Literatur. Ästhetik spielt eine sehr wichtige Rolle in meinem Leben. Ich bin glücklich, wenn ich das Leben der anderen mit meinem Violinspiel bereichern und sie für die Kunst begeistern kann.
Es macht sehr viel Freude, mit anderen Musikern gemeinsam Werke zu interpretieren oder mit zeitgenössischen Komponisten zusammenzuarbeiten, neue Werke aufzuführen und weitere Kompositionen zu entdecken. Meine weitere Leidenschaft, die mich seit sechs Jahren glücklich macht, ist meine Barsoi-Hündin. Den Alltag mit so einem schönen Wesen zu teilen ist wunderbar.
Du möchtest im Unterricht einen Raum schaffen, in dem Menschen sich anders entwickeln können als im Alltag. Welche Veränderungen beobachtest du dabei am häufigsten?
In der Musik ist es wie in jedem Bereich: Je mehr Ahnung man hat, desto größer wird das Interesse. Genau das ist der Grund, warum ich so gerne unterrichte. Mein Ziel ist, auch jüngere Menschen für die klassische Musik zu begeistern.
Du hast in Kassel eine zweite Heimat gefunden und die Musikszene hier aktiv mitgestaltet. Was macht Kassel für dich als Musikerin besonders?
Kassel ist eine sehr kreative und offene Stadt, und wenn man eigene Projekte machen möchte, finden sich hier etliche Möglichkeiten. Es gibt auch viele besondere Orte, wo Konzerte stattfinden – um nur einige zu nennen: im Museum für Sepulkralkultur, im Palais Bellevue, in vielen Kirchen, im Bergpark oder Stadthallengarten.
Mit deinen Konzertreihen schaffst du immer wieder neue Formate und Begegnungsräume. Was fehlt dir im klassischen Konzertbetrieb, das du mit eigenen Projekten verwirklichen möchtest?
Im klassischen Konzertbetrieb ist es so, dass entweder ein Programm schon vorgegeben ist oder man gestaltet es selbst einmalig oder an verschiedenen Orten. Das ist schön und ich mache das auch sehr gerne! Gleichzeitig möchte ich eigene Projekte machen, wie jetzt beispielsweise die Konzertreihe „Faszination SONATE!“, die seit April 2025 existiert. Gemeinsam mit Musikern aus Kassel und Region veranstalten wir kammermusikalische Abende in der Rothenditmolder Kirche immer am ersten Freitag des Monats. An solchen Projekten ist die Kontinuität schön, weil wir mehrere Möglichkeiten haben, u. a. unbekannte und neue Werke zu präsentieren, auch für verschiedene, manchmal ungewöhnliche Besetzungen, wie z. B. Violine und Marimbaphon.
Wenn du heute der fünfjährigen Nina begegnen könntest, die gerade zum ersten Mal im Opernhaus sitzt, was würdest du ihr über den Weg sagen, der vor ihr liegt?
Ich würde ihr sagen: „Es liegt ein langer Weg vor dir, voller Entdeckungen und Inspiration. Die faszinierende Welt der Musik wartet auf dich. Traue dich, diesen Weg zu gehen, denn du wirst es niemals bereuen!“
Wir bedanken uns ganz herzlich für deine Zeit und freuen uns auf ein Wiedersehen im August in der Ev. Kirche Rothenditmold.
Die nächsten Termine – bitte schon einmal vormerken:
7. August um 19:30 Uhr: Faszination SONATE! Sonates et pages de journal
Nina Osina, Violine | Peer Schlechta, Orgel
Ev. Kirche Rothenditmold
4. September um 19:30 Uhr: Faszination SONATE! Sonates de compositrices
Nina Osina, Violine | Vera Osina, Klavier Werke von Josepha Auernhammer und Amy Beach
Ev. Kirche Rothenditmold
2. Oktober um 19:30 Uhr: Faszination SONATE! Soirée à trois
Michael Kravtchin, Klavier | Nina Osina, Violine | Tatiana Gracheva, Violoncello
Ev. Kirche Rothenditmold
6. November um 19:30 Uhr: Faszination SONATE! Pas de trois
Vera Osina, Klavier | Di Wang, Klarinette | Nina Osina, Violine
Ev. Kirche Rothenditmold
4. Dezember um 19:30 Uhr Faszination SONATE! Violon, flûte et plus encore
Diego Acena Moreno, Flöte | Nina Osina, Violine | Gang Wang, Violoncello
Ev. Kirche Rothenditmold
29. Dezember um 16:00 Uhr Lesung mit Musik
Christina Weiser, Lesung Nina Osina, Violine und Klavier
Märchenwache, Schauenburg