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Was kann Theater in einer Welt, die zwischen Krisen und Aufbruch schwankt? Die Antwort des Deutschen Theaters Göttingen auf diese Frage lautet in der Spielzeit 2026/27: „Fröhliche Utopie“. Das Motto versteht sich als Einladung, trotz gesellschaftlicher Herausforderungen an Veränderbarkeit zu glauben, Widersprüche auszuhalten und gemeinsam neue Perspektiven zu entwickeln.
Den Auftakt bildete im die Uraufführung des Rechercheprojekts „neunzehnhundertzweiundvierzig.MemoRails Göttingen“ von Gernot Grünewald. Der immersive Audiowalk folgt der Route der 84-jährigen Anna Rosenberg, die am 21. Juli 1942 gemeinsam mit den letzten Göttinger Jüdinnen und Juden nach Theresienstadt deportiert wurde. Der Weg führt bis zum ehemaligen Güterbahnhof – heute Produktionsort des Theaters. Dort, wo heute auf der Probebühne neue Stücke entstehen, erinnert die theatrale Inszenierung an die Menschen, die aus Osteuropa nach Göttingen verschleppt, ausgegrenzt und zur Zwangsarbeit gezwungen wurden. Ihre Arbeit diente der Aufrechterhaltung des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges und schuf zugleich Grundlagen für den wirtschaftlichen Wiederaufbau der Nachkriegszeit. Audiowalk und Inszenierung machen die historische Dimension dieses Ortes als Schauplatz von Deportation, Zwangsarbeit und Entrechtung eindrucksvoll erfahrbar.
Die zweite Premiere folgt am 5. September im dt.1 mit der Uraufführung von Rebekka Kricheldorfs „Welcome to Schöny – please get the fuck out!“ Die Komödie nimmt den Massentourismus satirisch ins Visier und stellt unbequeme Fragen: Gibt es ein Menschenrecht auf Fernreisen? Wer profitiert tatsächlich davon? Ist moralisch okayer Tourismus überhaupt möglich – oder wäre es angesichts der Weltlage nicht sowieso angemessener, zu Hause zu bleiben? Zugleich ist die Inszenierung ein besonderer Moment für das Deutsche Theater Göttingen: Mit „Welcome to Schöny – please get the fuck out!“ verabschiedet sich Intendant Erich Sidler mit seiner letzten Regiearbeit vom Göttinger Publikum.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt erneut auf dem Theater für junge Menschen. Mit dem Weihnachtsstück „Pinocchio“ (Premiere: 21. November 2026, dt.1) und Astrid Lindgrens „Die Brüder Löwenherz“ (Premiere: 19. November 2026, dt.2) stehen zwei Klassiker auf dem Spielplan, die von Mut, Freundschaft und dem Erwachsenwerden erzählen. Die neue Spielzeit zeigt: Theater ist mehr als Unterhaltung. Es schafft Räume für Erinnerung, Diskussion und Vorstellungskraft – und eröffnet Möglichkeiten, die Welt für einen Moment anders zu denken.