Früher organisierte sie Weihnachtsmärkte, das Parkfest und die damalige Rathausgalerie – heute verantwortet sie eines der wichtigsten Kulturformate der Region. Zu Beginn des Jahres hat Vanessa Bischoff die künstlerische Leitung des Piazza Vellmar übernommen und prägt auch das Festival „Sommer im Park“ – das Festival feiert in diesem Jahr seine 30. Ausgabe. Ein fertiges Erbe? Vielleicht. Aber eines, das sie nun Schritt für Schritt verändert: persönlicher, mutiger – und mit Blick auf ein Publikum, das erst noch kommen muss. Wir haben mit der 37-Jährigen darüber gesprochen, wie man Kultur zwischen Kassel und Kleinstadt neu erfindet, was hinter den Kulissen wirklich passiert – und warum bei ihr immer ein Plan B bereitliegt.
Was war Ihre größte Unsicherheit, als Sie die Leitung übernommen haben?
Ich wurde sehr gut vorbereitet und die Aufgaben sind mir bereits vertraut, aber die Gesamtverantwortung zu tragen ist noch einmal etwas anderes. Ich habe Respekt davor, wie viele Themen man gleichzeitig im Blick behalten muss. Gerade bei einem Festival gibt es unzählige Details, die ineinandergreifen, und natürlich möchte man sicherstellen, dass nichts vergessen wird. Der Schritt in die neue Verantwortung und eine bereits etablierte Kulturarbeit weiterzuführen, aber auch gleichzeitig eigene Ideen einzubringen ist eine große Herausforderung. Als Leitung trifft man Entscheidungen aus einer anderen Perspektive und muss verschiedene Interessen zusammenbringen.
Und heute – ist diese Unsicherheit weg?
Nein, ganz verschwunden ist sie nicht – und das ist vielleicht auch gut so. Man wächst mit seinen Aufgaben und ich finde mich so langsam in meiner Rolle ein, aber der Respekt ist auch heute noch da. Sommer im Park steht erst noch vor der Tür, wofür ich dann erstmals alleinverantwortlich bin. Wer Veranstaltungen dieser Größenordnung organisiert, wird wahrscheinlich immer einen Blick darauf haben, ob wirklich an alles gedacht wurde. Ganz locker kann man da nie sein. Das Wichtige ist, dass ich mich auf mein Team verlassen kann und wir Probleme gemeinsam lösen. Nur so kann es funktionieren.
Wo soll das Piazza in fünf Jahren stehen – eher größer, digitaler oder persönlicher?
Wenn ich mich entscheiden müsste, dann würde ich sagen: persönlicher. Das Piazza lebt von der Nähe zwischen Künstlern und Publikum und der besonderen Atmosphäre, die man bei einer Großveranstaltung niemals erleben kann. Das möchte ich unbedingt beibehalten und das Piazza soll auch in fünf Jahren weiterhin kultureller Treffpunkt sein, wo man hochwertige Kultur entdecken kann. Mir ist auch der persönliche Kontakt zum Publikum sehr wichtig. Der Kartenvorverkauf im Piazza wird auf jeden Fall bestehen bleiben. Wir haben immer ein offenes Ohr, sind immer ansprechbar und gehen auf Kundenwünsche ein. Das ist weiterhin unser Anspruch. Natürlich werden wir auch digitale Möglichkeiten nutzen, um Menschen auf unsere Veranstaltungen aufmerksam zu machen, und wir freuen uns über jedes neue Publikum. Das ist einfach der Wandel unserer Zeit, dem wir uns auch nicht versperren.
Wie verändert Social Media Ihre Programmplanung konkret?
Social Media verändert die Programmplanung nicht grundlegend, liefert aber wertvolle Hinweise. Man sieht sehr schnell, welche Themen, Künstler oder Formate Menschen beschäftigen und worüber gesprochen wird. Das fließt natürlich auch in meine Überlegungen ein. Social Media liefert dafür Impulse, ersetzt aber nicht die persönliche Erfahrung und den direkten Austausch mit unserem Publikum. Wir setzen auf kulturelle Vielfalt und Qualität und wollen Künstlerinnen und Künstlern eine Bühne geben, die vielleicht noch nicht überall bekannt sind. Es gibt so viele gute Künstler, die teilweise gar nicht auf Social Media zu finden sind.
Am 12. August startet die Saison von „Sommer im Park“. Wir freuen uns auf das 30-jährige Jubiläum und viele fulminante Abende im schönen Theaterzelt.
Wie viel von Ihrer eigenen Persönlichkeit steckt im Programm des Piazza?
Natürlich steckt auch etwas von meiner Persönlichkeit im Programm, denn jede Entscheidung wird letztlich von mir getroffen. Ich interessiere mich für bestimmte Themen, habe Vorlieben und bringe meine Erfahrungen mit ein. Aber es geht nicht darum, mein persönliches Wunschprogramm zusammenzustellen, sondern ein Programm zu entwickeln, das kulturell spannend ist und die Menschen vor Ort anspricht. Es soll für jeden etwas dabei sein und da gibt es auch Sachen, die mir persönlich nicht gefallen, aber das ist ja nicht schlimm.
Nach welchen Kriterien wählen Sie Künstler aus – Bauchgefühl oder Strategie?
Wenn ich ehrlich bin, ist das Bauchgefühl oft der erste Impuls. Aber danach beginnt die strategische Prüfung: Passt der Künstler zu uns? Erreicht er unser Publikum? Ergänzt er das bestehende Programm? Am Ende muss beides stimmen. Nur auf Zahlen zu schauen würde der Kultur nicht gerecht werden, nur auf das Bauchgefühl zu vertrauen wäre aber auch zu kurz gedacht. Die Qualität des Programms ist uns wichtig. Wir bauen Künstler auf. Wenn wir überzeugt sind, dann führen wir Veranstaltungen auch mit wenig Gästen durch. Wenn die wenigen Gäste aber an dem Abend begeistert sind, kommen Sie in der Regel in zwei Jahren wieder und bringen dann noch Freunde und Bekannte mit. So wächst die Zuschauerzahl über Jahre und es ist so schön zu sehen, wie sich Künstler bei uns entwickeln. Dafür lohnt es sich!
Hatten Sie auch schon Auftritte, bei denen Sie hinterher dachten: Das war keine gute Entscheidung?
Ja, solche Situationen gibt es in der Kulturarbeit natürlich auch. Manchmal muss man auch mal was wagen. Nicht jeder Abend funktioniert so, wie man es sich im Vorfeld erhofft hat. Wir saßen auch schon mal mit rund hundert Gästen im Zelt. Der Abend war trotzdem toll, aber für den Künstler ist es schade. Aber daraus lernt man auch. Wir sehen, was funktioniert oder nicht funktioniert und was wir in Zukunft besser machen können.
Was macht „Sommer im Park“ einzigartig im Vergleich zu anderen Festivals?
Sommer im Park ist einzigartig, weil wir so viele Genres ansprechen. Diese Mischung macht das Festival offen für unterschiedliche Zielgruppen. Das Festival ist kein „importiertes Event“, sondern eng mit der Stadt und der Region verbunden – viele Menschen kommen jedes Jahr wieder, weil es sich ein bisschen wie ein kulturelles Zuhause anfühlt.
Wie abhängig ist Kulturarbeit heute von Sponsoren?
In der kommunalen Kulturarbeit gibt es eine Grundfinanzierung, die Planungssicherheit gibt und überhaupt erst ermöglicht, ein kontinuierliches Programm anzubieten. Dafür sind wir sehr dankbar. Wir wissen aber auch, dass öffentliche Haushalte unter Druck stehen und Kultur in solchen Situationen oft als erstes in den Fokus von Kürzungen gerät. Daher ist die Unterstützung durch unsere Sponsoren sehr wichtig und ohne sie könnte das Festival nicht stattfinden. Wir sind dankbar, dass wir zuverlässige Partner haben, die uns schon seit Jahren unterstützen.
Was war bisher Ihr persönlicher Lieblingsmoment beim „Sommer im Park“, den niemand gesehen hat?
Da gibt es wirklich viele schöne Momente, an die ich mich gerne erinnere. Wir hatten schon einige tolle Abende mit unserem Team und den Künstlern nach den Veranstaltungen, aber ganz besonders waren immer die gemeinsamen Abende mit Axel Prahl und seinem Inselorchester. Sie sind einfach alle so herzlich und es hat viel Spaß gemacht, sie kennenzulernen.
Wir bedanken uns ganz herzlich für Ihre Zeit und freuen uns über die 30. Ausgabe des Festivals und auf ein Wiedersehen im August zur Eröffnung.
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