© Foto: Peter Oliver Wolff
Interview
Wenn sich im Dezember die Türen der documenta-Halle öffnen, zeigt sich die Kunsthochschule Kassel von ihrer vielfältigsten Seite: 59 Absolvent*innen präsentieren ihre Abschlussarbeiten in einer Ausstellung, die nicht nur Endpunkt, sondern auch Ausgangspunkt sein will. Kuratiert wird die Schau von Lizzy Ellbrück – Künstlerin, Szenografin und Kuratorin –, die gemeinsam mit Johanna Schäfer ein Konzept entwickelt hat, das die Halle in eine „Maquette“ verwandelt: ein Modell, eine Bühne, einen Möglichkeitsraum. Im Gespräch mit uns sprechen die beiden über kuratorische Strategien, kollaborative Prozesse und die Kunst, Vielfalt sichtbar zu machen, ohne sie zu vereinheitlichen.
Ihr kuratiert die diesjährige Examensausstellung der Kunsthochschule Kassel in der documenta-Halle – einem Ort mit besonderer architektonischer Sprache. Wie beeinflusst dieser Raum eure kuratorischen Entscheidungen?
Die documenta-Halle ist ein beeindruckender, zugleich aber auch herausfordernder Raum. Sie bringt eine eigene Sprache und Strenge mit, eine Transparenz, die Präsenz fordert. Ihre Weite, Höhe und Sichtachsen bieten große Freiheit, verlangen aber zugleich eine präzise Setzung, damit die Arbeiten nicht verloren gehen. Für eine Ausstellung mit 59 Absolvent*innen bedeutet das, sehr genau über Nachbarschaften, Dichte und Ruhe nachzudenken.
Ihr sprecht von der Ausstellung als „Maquette“ – als Probe, Modell, Bühne und Aufführung. Was bedeutet dieses Konzept für euch persönlich und für die Absolvent*innen?
Der Begriff maquette bezeichnet ein proportional verkleinertes Modell für eine Skulptur oder ein Gebäude. Oft lässt ein solches maquette vor Änderungswünschen oder Anpassungen an äußere Gegebenheiten mehr von der ursprünglichen Intention von Künstler*innen oder Designer*innen erkennen als das finale Objekt. Das italienische Äquivalent ist bozzetto, wörtlich Skizze, Entwurf oder Studie. Das Ausstellungskonzept versteht die Examen als maquette: als Probe, Modell, Bühne und Aufführung, die zugleich offen und vorläufig bleibt. Es geht um die Gleichzeitigkeit von Abschluss und Anfang: ein temporäres Ensemble, das zeigt, was war und was kommen könnte. Wir lesen die Examen nicht als finales Resultat, sondern als Prozess: als Zwischenstand, der zeigt, was war, aber ebenso andeutet, was kommen könnte. Für die Absolvent*innen bedeutet dieses Verständnis vor allem die Möglichkeit, keine „endgültige“ Position formulieren zu müssen, aber auch die Verantwortung, ihre Arbeit als Teil eines größeren Gefüges zu denken, das nur temporär stabil ist.
Die Vielfalt der künstlerischen Positionen ist groß. Wie gelingt es euch, diese Unterschiedlichkeit sichtbar zu halten, ohne sie zu glätten oder zu vereinheitlichen?
Die Vielfalt ist zugleich Herausforderung und Stärke. Kuratorisch heißt das, sensibel mit Maßstäben, Medien und Intensitäten umzugehen und Räume für Resonanzen, Reibungen und Dialoge zu finden. Am Anfang stehen deshalb die einzelnen Arbeiten selbst, mit ihrer individuellen Dimension, ihrer Dichte und ihrem Tempo. Sie treten zueinander in Beziehung, in konkrete Nachbar*innenschaften, in räumliche Spannungen, in produktive Reibungen. Um bei der Theatermetapher zu bleiben: Das Ergebnis ist eine Struktur aus vielen Einzelschauplätzen. Jede Bühne behauptet sich für sich, ist aber gleichzeitig Teil einer größeren Aufführung.
Lizzy, in deiner kuratorischen Praxis betonst du das „In-Beziehung-Setzen“. Wie zeigt sich dieses Prinzip konkret in der Gestaltung der Ausstellung?
Die Examen entsteht in einem außergewöhnlich großen Ensemble von Ausstellenden und Mitwirkenden. Unsere Rolle hier ist vor allem eine unterstützende, konzeptionell rahmende, organisatorische und redaktionelle. Wir schaffen die Bedingungen, unter denen Beziehungen sichtbar werden können. „In-Beziehung-Setzen“ bedeutet konkret, die Absolvent*innen, Meisterschüler*innen und ihre Arbeiten in ein räumliches und inhaltliches Gefüge einzubinden: in offene Flächen ebenso wie in verborgene Nischen; in choreografierte Wege, Übergänge und Blickachsen; in Verdichtungen und bewusst gesetzte Leerstellen. Beziehungen entstehen nicht nur über thematische Affinitäten, sondern über räumliche Spannung, Maßstäbe, Intensitäten, Übergänge und Choreografien. Es ergeben sich punktuelle Verdichtungen, Zonen der Reibung und Leerstellen. Die Arbeiten treten in Resonanz, manche Beziehungen sind offensichtlich, andere entstehen erst im Gehen.
Die Zusammenarbeit mit Johanna Schäfer scheint zentral für deine Arbeit zu sein. Was verbindet euch künstlerisch und konzeptionell?
Wir haben zusammen an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe studiert und seitdem immer wieder kollaboriert, daher ist die Zusammenarbeit sehr einfach und Rollenverteilungen verschwimmen und überlappen sich stärker, als das klassischerweise der Fall ist. Wir teilen ein Verständnis, das nicht auf formalen Zuständigkeiten basiert, sondern auf Vertrauen, Geschwindigkeit und einem geteilten Umgang mit Arbeitsprozessen. Wir arbeiten beide gerne experimentell und situativ: Wir reagieren auf Räume, Bedingungen, Einschränkungen und adaptieren sie. Das führt dazu, dass wir weniger hierarchisch und stärker dialogisch arbeiten. Ich denke, die Examen profitiert von einer kollaborativen Praxis, die nicht behauptet, alles zu wissen, aber präzise genug ist, Entscheidungen zu treffen.
Du hast ein interdisziplinäres Studium absolviert und arbeitest an den Schnittstellen von Raum, Text, Bild und Konzept. Wie prägt diese Vielschichtigkeit deine kuratorische Handschrift?
Das interdisziplinäre Arbeiten an den Schnittstellen von Raum, Text, Bild und Konzept ist konsequenter modus operandi. Ich arbeite bewusst nonlinear und aus verschiedenen Rollen heraus, als Künstlerin, Gestalterin und Kuratorin. Diese Rollenwechsel erzeugen Perspektivverschiebungen, die ein Ausbrechen aus einer rein disziplinären Logik ermöglichen. Diese Vielschichtigkeit prägt meinen kuratorischen Blick, weil sie analytische Entscheidungen erlaubt, die sich aus Raum, Körper und Materialität ableiten, und zugleich ein sensibles Reagieren ermöglicht, das unterschiedliche Expertisen anerkennt und Situationen in mehrere Richtungen deutet. So entstehen Setzungen, die inhaltlich begründet und auch in Raumlogiken, körperlichen Erfahrungen und narrativen Strukturen verankert sind. Die Vielschichtigkeit ist damit kein ästhetischer Effekt, sondern die Grundlage meiner Arbeitsmethode.
Welche Rolle spielt die Kunsthochschule Kassel für dich als Ort des Experiments und der künstlerischen Forschung?
Ich habe selbst in sehr unterschiedlichen Settings studiert und Kunsthochschulen als Orte kennengelernt, an denen Lernen idealerweise sehr frei, experimentell und gemeinschaftlich passiert. Eigenverantwortung für eigene Interessen und Qualifizierungen ist hier ganz anders gelagert als in vielen anderen Studienfächern. Zugang zu Infrastruktur, einer Hochschulgemeinschaft und nicht zuletzt den Schulgebäuden als Arbeits-, Ausstellungs- und Veranstaltungsräume, funktionieren anders als ich das an anderen, oft sehr viel größeren Universitäten erlebt habe. Diese Offenheit und das Vertrauen in studentische Initiativen, Ideen und Interessen halte ich in der Vorbereitung auf eine Praxis im Kunst- oder Kulturbereich für extrem wertvoll.
Was hat dich in der Arbeit mit den Absolvent*innen am meisten inspiriert oder überrascht?
Am meisten beeindruckt hat mich das individuelle wie kollektive Engagement der Absolvent*innen. Viele waren bereit, Risiken einzugehen: Arbeiten zu reduzieren, umzubauen oder komplett neu zu denken. Diese Haltung, nicht an einem Bild festzuhalten, sondern es situativ zu schärfen, hat die Zusammenarbeit geprägt und den Prozess produktiv gemacht.
Wir bedanken uns ganz herzlich für eure Zeit, wünschen euch einen guten Endspurt und freuen uns auf unser Wiedersehen im Dezember in der documenta-Halle.